MLT-Sampler Font
– Das Prinzip des Samplings auf Schrift übertragen
Im Rahmen meiner Bachelorarbeit setzte ich mich mit den Themen Schrift und Musik auseinander. Dabei forschte ich nach wiederkehrenden genrespezifischen Gestaltungselementen und Übertragungsmöglichkeiten musikalischer Prinzipien auf Schriftdesign. Das erklärte Ziel meiner Arbeit war es, für eine fiktive Jazz-Rap-Band zur Etablierung einer visuellen Marke einen neuen Font zu designen.
Zunächst begann ich mich intensiv mit dem Hintergrund und der Geschichte beider Musikgenres auseinanderzusetzen. Darauf folgte eine umfangreiche Recherche, die sich unter anderem über die Graffiti-Kultur und die Logos großer Hip-Hop-Künstler sowie über die klassischen Blue-Note-Cover-Gestaltungen und die Jazz-Plakate von Niklaus Troxler erstreckte. Außerdem setzte ich eine Online-Umfrage auf, in der ich die Teilnehmer*innen bat, Musikbeispielen aus verschiedenen Genres je ein Schriftbeispiel zuzuordnen. Auf diese Weise versuchte ich assoziative Tendenzen zwischen verschiedenen Musikstilen und Schriftgestaltungen zu offenbaren.
Während der Recherchephase stellte ich fest, dass sich vor allem im Jazz kaum wiederkehrende genrespezifische Gestaltungselemente abzeichneten und dass auch Hip-Hop-Logos stilistisch erstaunlich divers sind. Demensprechend musste ich meine Vorgehensweise ändern. Ich weitete meine Recherche auf andere Genres und Kunstrichtungen aus und suchte nach allgemeinen musikalischen Prinzipien, die auf visuelle Gestaltung übertragbar sind. Dabei kam mir die Idee, das Prinzip des Samplings auf Schrift zu übertragen, indem ich einzelne Glyphen aus einer Vielzahl an Fonts entnehme und überlagere, um auf diesem Wege eine neue Ästhetik zu erzeugen. Die Abkürzung MLT steht für Multi-Layer-Type.
Sampling ist seit jeher ein wesentlicher Bestandteil der Hip-Hop-Kultur, doch dieser Gestaltungsansatz ist auch auf Jazzmusik übertragbar, da auch diese von Improvisation und der Kombination vieler unterschiedlicher Elemente lebt.
Stilistisch beeinflusst wurde ich bei der Gestaltung unter anderem von der Ästhetik dadaistischer Collagen sowie von den stilprägenden Arbeiten des britischen Künstlers Jamie Reid für die Punkband Sex Pistols. Reid gestaltete deren Albumcover mithilfe von Buchstaben, die er einzeln aus Zeitungsartikeln herausschnitt und neu zusammensetzte. Um das Schriftbild zu vereinheitlichen und um den sequenziellen Charakter der Musik zu imitieren, habe ich eine einzelne dünne (Noten-)Linie durch sämtliche Zeichen (auch Leerzeichen) meiner Schrift gezogen. Durch die Wiederholung von Worten und die dazwischenstehenden Leerzeichen entsteht somit eine Art Rhythmus in der Gestaltung. Die collagenhaft gestalteten Buchstaben erzeugen dabei eine eher rohe, provisorisch anmutende Ästhetik, die an ein handbeschriebenes Notenblatt erinnern soll.
Nach der Fertigstellung des MLT-Sampler Fonts suchte ich nach Möglichkeiten, die Grundidee des „Schriftsamplings“ weiter auszuschöpfen und den Nutzer*innen mehr Kontrolle und Individualisierungsoptionen für diese Art der Schriftgestaltung zu bieten.
Echte analoge und digitale Audiosampler, wie sie in der Musikproduktion zum Einsatz kommen, bieten zahlreiche Optionen und Parameter zur Modulation, Manipulation, Zusammenstellung und Strukturierung von individuellem Audiomaterial. Also überlegte ich mir, wie ein Sampler für Schrift aussehen könnte und entwarf ein Interface für ein solches Programm (s. Abb. oben). Fonts könnten in diese Software eingespeist und auf mehreren Ebenen, ähnlich wie Audiosamples, nach bestimmten Parametern überlagert und manipuliert werden.
Beim Aufbau der Benutzeroberfläche orientierte ich mich lose an verschiedenen Samplern und anderen Audio-Plugins, die ich selbst zur Musikproduktion nutze. Dazu überlegte ich mir, welche grundlegenden Parameter einer Schrift variabel gestaltet werden könnten, um mehr Individualisierbarkeit zuzulassen. Die Schriftlayer sind im Interface durch verschiedene Farben gekennzeichnet und können jeweils einzeln oder über den Master-Channel als Summe bearbeitet werden.